Kolumbien - Land im Zwiespalt und der Gegensätze
 Kolumbien -Land im Zwiespalt und der Gegensätze  

Erfahrene Computerfachleute arbeiten in ihrer Freizeit, um Hilfsprojekte in Kolumbien zu finanzieren

Gesellschaft

Ethnien in Kolumbien

Die Bevölkerung Kolumbiens setzt sich aus etwa 45 Millionen Menschen zusammen und ist demzufolge das bevölkerungsreichste Land Südamerikas hinter Brasilien.

Bevölkerungspyramide Kolumbien 2016

Das Land ist gekennzeichnet durch eine sehr ungleiche Bevölkerungsverteilung. Etwa neun von zehn Kolumbianern leben in der Andenregion oder an der Karibikküste, obwohl diese Regionen weniger als die Hälfte der Landesfläche einnehmen. Die Gebiete Amazoniens, Orinokiens sowie das Chocógebiet sind hingegen dünn besiedelt, teilweise sogar unbesiedelt.

Befölkerungsdichte Kolumbien von Carlos A Arango

 

 

Aufgrund der enormen Landflucht leben heute 74% der Kolumbianer in Städten, Hauptzentren sind dabei Bogotá (gut ein Sechstel der Bevölkerung lebt hier), Cali, Cartagena und Medellín. In den Llanos, die mehr als 54% der Landfläche ausmachen, leben hingegen nur 3% der Bevölkerung. Die Lebenserwartung bei Geburt beträgt etwa 72 Jahre, wobei das sehr differenziert zu sehen ist. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Buenventura soll bei 58 Jahre liegen.

Kreole,Cafuaso und Mulattin, Cartagena

Mit 56% bilden die Mestizen (Nachkommen zwischen Europäern und Indigenen) den größten Teil der Bevölkerung dar.  20% stellen die Nachfahren europäischer Kolonisten, die hellhäutigen Kreolen.  Danach folgen die Mulatten (Mischlinge von Europäern und Afrikanern), die etwa 15% der Gesamtbevölkerung ausmachen. 4% der Gesellschaft sind rein afrikanischer Herkunft und 3% zählen zu den Zambos oder Cafusos, die aus Verbindungen zwischen Afrikanern und Indigenen hervorgegangen sind. 3,4% sind Nachkommen der Ureinwohner Kolumbiens.1

1 entnommen aus kolumbianischen Statistikamt DANE März 2018

Uwe Meier, Arhuaco-Frauen Sierra Nevada de Santa Marta

Die indigene Bevölkerung Kolumbiens gliedert sich in 102 verschiedene ethnische Gruppen mit 64 unterschiedlichen Sprachen. Seit Mitte der 70er Jahre wurden diesen Gemeinschaften verstärkt Rechte und Privilegien zugestanden, die sowohl eine angemessene zweisprachige und ethnische Erziehung als auch die Einrichtung von Schutzräumen sowie die Garantie kollektiver Landrechte beinhalteten. Die Verfassung von 1991 erkannte zum ersten Mal eine ganze Reihe indigener Rechte (siehe Länderpapier indigener Völker Kolumbien) , durch welche z.B. die Einrichtung von relativ autonomen Gebietsräten mit eigenständigen Regierungsfunktionen ermöglicht wurde. Diese Rechte werden allerdings häufig verletzt.

Thomas Wagner, Eine Kogi-Indianerin am Wegesrand zur Verlorenen Stadt.

Der Grund: Die Indígenas leben oft in abgelegenen Regionen Kolumbiens, die bei allen Konfliktparteien wegen ihrer Bodenschätze begehrt sind: Entweder lagern Kohle und Erdgas unter der Erde, oder es herrschen beste Bedingungen für den Anbau von Koka, Zuckerrohr oder Ölpalmen. Auch wenn die Regierung den mit der Natur eng verbundenen Völkern in der Verfassung eigene Rechte und Territorien garantiert - beachtet wird dies in der Praxis oft nicht. "Ihre Rechte werden mit Füßen getreten", sagt Monika Lauer Perez, Kolumbien-Referentin des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat. "Sie finden kein Gehör und nur mit Schwierigkeiten Zugang zur Justiz."

Die indigene Bevölkerung des Landes hat besonders unter dem bewaffneten Konflikt mit der FARC gelitten und Manches ist seit dem Abkommen sogar schlimmer geworden. Das Abkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC-Guerilla vor einem Jahr wurde von einem Großteil der indigenen Bevölkerung befürwortet. Sie hofften auf einen ersten Schritt hin zu Frieden und einer gerechteren Landverteilung, die Bestandteil des Abkommens ist. Doch mit dem Abkommen sind auch neue Probleme entstanden. "Die staatliche Stelle, die für die Rückgabe von Land verantwortlich ist, spricht das Land häufig den Großgrundbesitzern zu und nicht den Indigenen", sagt Lauer Perez. "Wenn man so will, geht diese Missachtung der Rechte jetzt weiter -  nur ohne Waffengewalt." Mit dem Rückzug der FARC fällt für die Indigenen auch eine gewisse "Schutzmacht" weg. Zwar war die Guerilla auch in den meisten indigenen Gemeinden nicht erwünscht - sie war aber auch nicht der größte Feind.

Thomas Dalberg, Arhuaco-Dorf in der Nähe der Ciudad Perdida

"Mit der FARC hatte man sich irgendwie arrangiert. Man wusste, was sie wollte, beispielsweise Koka anbauen. Aber sie hat in der indigenen Lesart das Land respektiert und dafür gesorgt, dass die Agro- oder Bergbauindustrie dort nicht hinein konnte", sagt Lauer Perez. "Die Indigenen sind sehr besorgt, wie das aufgefangen werden kann." Neue und alte Guerillagruppen, kriminelle Banden und Paramilitärs versuchen derzeit das Machtvakuum zu füllen, das die FARC seit ihrer Entwaffnung zurückgelassen hat, und dringen in deren alte Regionen vor. "Das Gewaltaufkommen insgesamt ist zwar zurückgegangen, aber es scheint so, dass gezielter gemordet wird", sagt Morenz. "Soziale Aktivisten, auch ganz viele Indigene, sind von diesen Morden betroffen." Und: "Diese Tötungen finden überproportional stark in den Gebieten statt, wo die FARC vorher aktiv war."

Afrokolumbianerin in Buenventura

Starke politische und gesellschaftliche Diskriminierung erfahren auf der anderen Seite die Afrokolumbianer, die sich besonders an der Karibik- und Pazifikküste konzentrieren. Im Jahr 1993 wurde ein Gesetz verabschiedet (Ley 70), (siehe unter Dokumente) dass es den afrokolumbianischen Gemeinschaften erlaubt, kollektive Landtitel an der Pazifikküste einzufordern. Auch Programme zum Schutz ihrer Identität und die Förderung des Zugangs zu Bildung wurden basierend auf diesem Gesetz ins Leben gerufen. Die Umsetzung des Gesetzes hinkt dem Inhalt jedoch stark hinterher. El Observatorio de Disciminación Racial (Rassendiskriminierungsbeobachtung-ODR) wurde 2007 gegründet, um Rassismus in Kolumbien und Lateinamerika zu dokumentieren und zu bekämpfen. Diese Organisation entwickelt derzeit Rechtsstreitigkeiten und Gesetzesreformen zur Verteidigung und Ausweitung der ethnoterritorialen Rechte der schwarzen Gemeinschaften

Kleinbauern und Großgrundbesitz

Ein Kernproblem Kolumbiens ist die ungleiche Landverteilung. Die Lösung dieses Problems ist Voraussetzung für einen dauerhaften Frieden in diesem Land. 77% des Landes werden von den reichsten 13% kontrolliert, während 68% von Kleinbauern nur 3,6% des Landes zur Bewirtschaftung zur Verfügung steht. Dieses Problem wird auch von der politischen Elite des Landes erkannt.

Landverteilung und Bodenertrag von Alfred Linseder in dritte Welt Ernährung

Bereits vor Beginn der Friedensverhandlungen mit der FARC wurden zwei grundlegende Gesetze verabschiedete. 2011 das Gesetz zur Anerkennung der Opfer und deren Entschädigung (Ley de Víctimas y Restitución de Tierras) und 2012 das Gesetz zu Landverteilung und ländlicher Entwicklung (Ley de Tierras y Desarrollo Rural).

Einsatz der Polizei bei einer Räumung der Hazienda Las Pavas Quelle: laverdadcruda.wordpress.com

Die Kleinbauern gehören neben den Indigenen und anderen Minderheiten, zu den Bevölkerungsgruppen, die den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Staat und bewaffneten Gruppen am häufigsten zum Opfer fallen. Sie werden in ihren Dörfern ermordet oder gewaltsam von ihrem Land vertrieben. Auffällig ist, dass die Menschen häufig aus Gebieten fliehen müssen, die aufgrund großer Infrastrukturprojekte wie z.B. des Baus der Panamericana an der Pazifikküste, von strategisch wichtiger Bedeutung sind. Die Vergabe von Konzessionen an multinationale Unternehmen begründet vermehrt Umsiedlungsmaßnahmen der ländlichen Bevölkerung. Beispiel ist der Kampf einer Gemeinschaft von Kleinbauern aus „Las Pavas“ in Magdalena Medio.  

Zwangsräumung in Kolumbien Quelle: radiomacondo.fm

Durch die Gewalt der bewaffneten Konfliktparteien und den multinationalen Konzernen wurden zwischen sechs und acht Millionen Hektar Land, entsprechend 15 bis 17% ganz Kolumbiens, gewaltsam enteignet und illegal angeeignet und damit mehr als sechs Millionen Menschen von ihrem Land vertrieben. Damit steht Kolumbien an zweiter Stelle Weltweit bei Binnenflüchtlingen.

Deshalb bildet die Unterzeichnung des ersten Punktes des Friedensvertrages am 26.05.2016 einen entscheidenden Schritt für eine neue und gerechte Verteilung des ländlichen Raumes. Dieser Schritt verschärft aber auch den bereits bestehende Interessenkonflikte zwischen den Großgrundbesitzern und mit ihnen verbundenen bewaffneten Gruppen, die sich der Landrückgabe widersetzen und andererseits den Vertriebenen und denen um die Wahrung ihrer Rechte kämpfenden Kleinbauern

Viehmesse durch FEDEGAN

Eben diese Allianz, repräsentiert u.a. durch den ehemaligen Präsidenten Uribe Vélez und die Föderation der Rinderzüchter FEDEGAN, mobilisierte sowohl gegen das Gesetz zur Rückgabe von Land 2011 als auch gegen die Friedensverhandlungen zwischen den Farc und der Regierung Santos. Dabei ist das Vorgehen oft antidemokratisch und illegal. Eine grundlegende Rolle kommt in diesem Zusammenhang den sogenannten „Armeen gegen die Rückgabe von Land“ zu, zum Großteil bestehend aus demobilisierten Paramilitärs, die die faktische Rückgabe von Land verhindern, indem sie das Land besetzt halten und die Organisationen, die sich für die Rückgabe einsetzen, gewaltsam unterdrücken.

Deshalb fällt die Zwischenbilanz des Landrückgabegesetzes sehr ernüchternd aus, Die Erfassung der Eigentumsverhältnisse und die Besteuerung der Latifundien, sowie die explizite und vielschichtige Förderung der Produktion von Kleinbäuerinnen und die effektive Ermöglichung eines würdigeren Lebens dieser Menschen, entspricht einer staatlichen Politik die sich klar gegen die wirtschaftlichen Interessen der traditionellen Eliten stellt. In diesem Rahmen erklärt sich deren Ablehnung und Boykottierung der Gesetze von 2011 und 2012 und des aktuellen Friedensprozesses.

Rolle der Frau in der Gesellschaft

Frauen werden in der kolumbianischen Gesellschaft stark benachteiligt. Die Müttersterblichkeit beträgt 92 von 100'000. 70% der Binnenflüchtlinge als Folge des internen Krieges sind Frauen und Kinder. In ländlichen Gebieten verdienen Frauen 19% weniger als Männer. Auch in der Politik sind sie unterrepräsentiert: Ihr Anteil beträgt 14,2% in leitenden Stellen der Exekutive und 13.5% in der Legislativen.

Abschluss eines Studienganges in Cartagena

Kolumbianerinnen haben seit 1933 Zugang zu höherer Bildung, drei Jahre später konnten sie auch öffentliche Ämter besetzen. Trotzdem stand ihnen der Staat erst 1945 Bürgerrechte zu. Die lateinamerikanische Gesellschaft lässt sich seit ihrer Kolonialzeit von den Bildern des ‚Marianismo’, der Heiligkeit der Familie, des ‚Machismo’ und der Ehre leiten, die sogar bis in die achtziger Jahre Grundlage für Gesetze wie straflose häusliche Gewalt oder die Einschränkung der Reisefreiheit der Frauen bildeten.1 So sind bis heute lateinamerikanische Frauen in vielen Dingen Männern unterstellt und damit der Herrschaft, der Gewalt des Mannes ausgeliefert. Ihre Ehre ist die Selbstaufopferung für die Familie, die Selbstbeschränkung und Unterordnung unter eine rigide Sexualmoral, die dem Mann alle Freiheit als Ausdruck seiner Virilität zumisst, der Frau Verzicht und Unterordnung unter männliche Wünsche abverlangt.4

Kundgebung

Ganz grundsätzlich hat die Stimme der Frauen jedoch in den letzten Jahren an Gewicht gewonnen. Besonders mutig ist die OFP (Organización Feminina Popular), eine Frauenbasisorganisation im Magdalena Medio, die sich in der von Erdölraffinerien geprägten Stadt Barrancabermeja für das Leben und die Rechte der Frauen einsetzt. Eine weitere starke Frauenorganisation ist die Ruta Pacifica. Die Frauen leisten einen erheblichen Beitrag zur Wahrnehmung ihrer Perspektive und Forderungen als Opfer und Akteurinnen im Konflikt und im Friedensprozess. Immer wieder werden ihre Mitglieder jedoch mit dem Tod bedroht.  Der Gender Inequality Index (GII) positioniert Kolumbien im Jahr 2012 an 88. Stelle.

María Fernanda Campo, Bildungsministerin unter Santos

Trotz der steigenden Anzahl von Politikerinnen nimmt Kolumbien im Vergleich zu Gesamt-Lateinamerika nur ein gutes Mittelmaß ein. Das mag vor allem daran liegen, dass ein Quotengesetz wie es in vielen anderen Ländern Lateinamerikas üblich ist, nicht durchgesetzt werden konnte, „da die kolumbianische Verfassung eine Einmischung in parteiinterne Angelegenheiten verbietet“ Gesetz 167. 2000 verabschiedete Kolumbiens Regierung trotzdem ein Gesetz, das zumindest auf der Ebene der staatlichen Führungspositionen eine 30%ige Beteiligung von Frauen vorschreibt.168 In Ländern wie zum Beispiel Argentinien, Brasilien, Nicaragua und Chile wurden bereits in den neunziger Jahren in mehreren Parteien Frauenquoten zwischen 20% und 40% durchgesetzt. Zusammenfassend lässt sich für Kolumbien also sagen, dass sich den Präsenz der Frau in der Politik erhöht hat, leider aber noch fern von ihrem Optimum ist.

FARC-Kämpferinnen

Interessant ist ihre Rolle im bewaffneten Konflikt. Obwohl Frauen in vielen Konflikten – auch im kolumbianischen – noch immer hauptsächlich als Opfer wahrgenommen werden, rückt ihre aktive Rolle mehr und mehr in den Fokus. Frauen treten sowohl als Akteurinnen in Organisationen und in ihrer Gemeinschaft auf als auch als aktive Kämpferinnen in den unterschiedlichen Gruppierungen. Das Bild der „kämpfenden Frau“ stimmt nicht mit traditionellen Geschlechterbildern überein und wird deshalb oft übersehen: Traditionell „ist der prototypische Mann Krieger, die Frau hingegen schutzbedürftig, Opfer oder Pazifistin“.2 Die Realität in Kolumbien sieht zweifelsohne anders aus. In den Reihen der FARC kämpften Schätzungen aus dem Jahr 2009 zufolge ca. 9.000 bis 11.000 Frauen, in der ELN in den Jahren 2002 bis 2007 insgesamt 3.700 Frauen. Weitere Schätzungen gehen davon aus, dass Frauen ca. ein Drittel bis zur Hälfte der Kämpfenden in Guerilla-Gruppen ausmachen. 3

Prostituirte in Cartagena

Prostitution in Kolumbien ist legal und weit verbreitet. Hauptursache ist die oft verzweifelte Lage der Frauen auf Grund ihrer Armut und innere Vertreibung. Ihnen bleibt oft nichts anderes übrig ihren Körper zu verkaufen um die Kinder mit dem notwendigsten an Essen und Medikamente zu versorgen. Leider ist neben der legalen Prostitution, Kolumbien ein wichtiges Herkunftsland für Frauen und Mädchen, die nach Westeuropa, Asien, Nordamerika zum Zweck der kommerziellen sexuellen Ausbeutung verschleppt werden. Angehörige von Banden und organisierte Netzwerke, die sich über das gesamte Land ziehen zwingen ihre Verwandte und Bekannte sowie Vertriebene zur Zwangsprostitution. Die kolumbische Regierung ist bemüht Kinder- und Zwangsprostitution und Menschenhandel einzudämmen. Das Gesetz 985 gegen Menschenhandel sieht Strafen von 13 bis 23 Jahr vor.

1,2 Juliana Ströbele-Gregor, “Frauenwelten im Umbruch“ in: Axel Borsdorf, Lateinamerika im Umbruch (Innsbruck, 2001), S.158f

3 Die Rolle von Frauen im Friedensprozess in Kolumbien, Nadja Kutscher

2 Vgl. Kurtenbach, Kolumbien, 2004, S. 15f.

Kinder

Straßenkinder, entnommen aus Patio13

Kolumbien ist das klassische Land der Straßenkinder. Derzeit soll es dort etwa 30.000 Jungen und Mädchen geben, die dauerhaft auf der Straße leben. 80 Prozent der Straßenkinder sind zwischen 12 und 17 Jahre. So gut wie alle Straßenkinder stammen aus Familien, die nicht in der Lage sind, die Grundbedürfnisse ihres Nachwuchses zu befriedigen, ihre Kinder angemessen zu ernähren, ausbilden zu lassen und ihnen eine befriedigende Zukunftsperspektive zu eröffnen. Armut ist der erste Grund, der Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, dazu veranlasst, ein Auskommen auf der Straße zu suchen. Das Phänomen armer, verlassener und verstoßener Minderjähriger - der "gamines" oder "chinos de la calle" - wird in diesem Land seit dem 16. Jahrhundert beobachtet. Sie schlafen unter freiem Himmel, in selbst errichteten Verschlägen oder in billigen Zimmern oft nur für eine Nacht, um dann erneut aufzubrechen. Auf der Straße gehen sie allen möglichen Beschäftigungen nach, wenn sie ihnen nur irgendein Auskommen verschaffen.1

Kinder sind die wehrlosesten Opfer des bewaffneten Konfliktes und der strukturellen Armut. Häufig müssen sie die Ermordung der Eltern mit ansehen und in die Slums der Städte ziehen, oder werden zusammen mit ihren Familien vertrieben. Oft tragen sie mit harter Arbeit zur Existenzsicherung der ganzen Familie bei, sei es als Schuhputzer, Bauchladenverkäufer oder Minenarbeiter. Laut einem Bericht der UNICEF und CEPAL wachsen 38.5% der Kinder in Armut auf, 15.6% sogar in extremer Armut

Patio 13 - Schule für Straßenkinder

Das Bildungsministerium in Kolumbien arbeitet intensiv daran, die Rate der Kinder und Jugendlichen, welche keine Schule besuchen, einzudämmen. Trotzdem gehen Organisationen wie „Enseña por Colombia“ davon aus, dass über 1 Million Kinder, dass heißt jedes 10 Kind keine Schulbildung erhalten, 70% davon in ländlichen Gebieten, 30% davon in Städten. Aus Deutschland besuchen regelmäßig Pädagogen das Land unter den Projektnamen Patio13 und unterrichten Straßenkinder.

Ein Treffen minderjähriger Mütter in einer Pfarrei am Stadtrand von Cartagena. Hier werden sie in Kinderpflege, Hygiene und Familienplanung unterrichtet. Foto: Adveniat/Frevel.

Ein weitverbreitetes Problem ist die sexuelle Ausbeutung von Kindern. So kommt es vor, dass sich Kinder im Alter von noch nicht einmal zehn Jahren zum Sex anbieten, um gegen die Armut zu kämpfen und ein paar Pesos zu verdienen. Oft handelt es sich dabei um ausländische Touristen, die Sex mit Kindern haben, und so die Verzweiflung von Familien ausnutzen, die einer extremen Armut ausgesetzt sind. Als Opfer von Geschäften mit Sex müssen diese Kinder Pornographie, sexuellen Missbrauch und Gewalt über sich ergehen lassen. Das kolumbianische Justizsystem versagt in diesem Punkt ganz besonders, auch wenn es kürzlich zu einigen Prozessen gekommen ist, die Anlass zur Hoffnung geben, dass diejenigen, die für die sexuelle Ausbeutung von Kindern verantwortlich sind, in Zukunft strenger bestraft werden.4

Eine Umfrage ergab, dass 23 % der jungen Frauen vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet werden. Betroffen sind hiervon vor allem Mädchen aus ländlichen Gebieten. Schlimme Folgen hat dies für die Gesundheit der jungen Mädchen, die noch nicht verstehen, was eine Heirat nach sich ziehen kann. So tragen die häufigen Jugendschwangerschaften zu den hohen Mütter- und Kindersterblichkeitsraten in Kolumbien bei.

Martha González Mitglied der FARC mit 12 nach dem ihr Vater durch die Armee ermordet wurde, von Jorge Elias

Kolumbien steht weltweit an dritter Stelle in Bezug auf die Anzahl Kindersoldaten. Die UNICEF bezifferte die Anzahl für den Krieg rekrutierte Kinder und Jugendliche auf 14.000. Ein Drittel der rekrutierten Kinder sind Mädchen. Mädchen werden in und um den bewaffneten Konflikt besonders häufig Opfer von Missbräuchen und sexueller Übergriffe. Der Staat und mehrere nationale und internationale Organisationen setzen sich für die Resozialisierung von ehemaligen Kindersoldaten ein.

Kinder vor ihrer Hütte, Malteser Hilfsdienst

Um den Schutz von Kindern der Urbevölkerung  ist es in Kolumbien besonders schlecht bestellt. Ein Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen hat die Situation der Grundrechte der Urbevölkerung als „schlimm, kritisch und zutiefst besorgniserregend“ eingestuft. Jedes Jahr werden Kinder und schwangere Frauen (v. a. des Volkes der Awàs) von Soldaten und Paramilitärs grausam ermordet.2

Etwa 10 % aller Geburten werden in Kolumbien nicht registriert. Geburten auf dem Land werden weniger häufig aufgenommen als Geburten in der Stadt. Mehr als 20 % der Kinder auf dem Land sind in keinem Geburtsverzeichnis registriert. Dies führt zu großen Schwierigkeiten für diese Personen, da sie für die Gesellschaft offiziell nicht existieren und daher auch keine Rechte haben.3

1Sraßenkinder in Kolumbien, Hartwig Weber, Mai 2009, http://www.strassenkinderreport.de

2,3,4 Kinder in Kolumbien, Humanium, https://www.humanium.org

Links

Kindersoldaten in Kolumbien, https://www.humanium.org

Strassenkinder, http://casadepaz.de/finca/Straenkinder.html

Kontakt

Peter Blöth
Sindelsdorfer Str. 47
82377 Penzberg

Rufen Sie einfach an unter

+4915254041127

 

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zuletzt Aktalisiert: 15. August 2018

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