Kolumbien - Land im Zwiespalt und der Gegensätze
 Kolumbien -Land im Zwiespalt und der Gegensätze  

Gesundheitswesen

Bildnis Pedro Fernandez de Valenzuela

Anfänge des Gesundheitssystems

 

Der erste graduierte Arzt, Álvaro de Auñon, kam 1597 in das Königreich Neugranada aus Sevilla in Mutterland Spanien und blieb für eine kurze Zeit. Die erste kolumbianische Apotheke wurde zur selben Zeit von Pedro López de Buiza eröffnet.(1) Im Jahr 1636 eröffnete Rodrigo Enríquez de Andrade die erste Medizinische Fakultät von Neu Granada am Colegio Mayor de San Bartolomé, allerdings nur mit mäßigem Erfolg, da Vorurteile gegen die medizinische Karriere in der spanischen Kultur tief verwurzelt waren. Der größte Teil der medizinischen Versorgung erfolgte zu dieser Zeit daher durch nicht fachlich geschulte Heiler. (2) Das erste medizinische Fachbuch, das in Kolumbien verfasst wurde, war das „Tratado de Medicina y Modelo de Curar en estas partes de Indias“ (deutsch: Abhandlung der Medizin und Modelle zur Heilung in diesen Teilen von Indien) von Pedro Fernandez de Valenzuela aus dem Jahr 1662.

Im Jahr 1740 startete Vicente Tomás Cansino ein medizinisches Programm an der Universidad del Rosario. Die medizinische Versorgung dieser Zeit war fast ausschließlich auf das Zuhause der kranken Menschen beschränkt, da es an Krankenhäusern mangelte. Das erste Krankenhaus Kolumbiens war das Hospital de San Pedro in der Hauptstadt Bogotá. Das Krankenhaus wurde von Juan de los Barrios errichtet und nahm den Betrieb im Jahr 1564 auf. 1739 wurde das von Pedro Pablo Villamor errichtete Hospital San Juan de Dios in der Hauptstadt eröffnet.(3)

Die erste weibliche graduierte Medizinerin war die Schweizerin Anna Galvis Hotz im Jahr 1877. Sie hatte ihren Abschluss an der Universität Bern erworben, da zu dieser Zeit Frauen der Zugang zur Universität in Kolumbien noch verwehrt war. 1925 schloss mit der russisch-amerikanischen Paulina Beregoff erstmals eine Frau ein medizinisches Studium an einer kolumbianischen Universität ab. Die erste Kolumbianerin, die einen medizinischen Abschluss an einer Universität des Landes erwarb, war Inés Ochoa Pérez, die 1945 an der Universidad Nacional de Colombia ihr Studium abschloss.

Erfahrungsbericht

Buenaventura – meine Frau liegt seit tagen mit Fieber, Muskel- und Gliederschmerzen, Erbrechen und Fieber im Bett. Ich entschließe mich sie nach Cali zu bringen. Meine Freunde vor Ort rieten mir das, weil dort die ärztliche Versorgung weit besser sei als hier in der Stadt. Dort gäbe es auch eine Deutsche Klinik. Gut, also nach Cali, die 114 km in zweieinhalb Stunden mit dem Auto. Zwischendurch zwei Mal Verkehrs- und Personenkontrolle durch die Polizei. An der deutschen Klinik angekommen – wurde mir mitgeteilt diese sei geschlossen mit dem Rat zur Klinik im Süden der Stadt zu fahren. Ca. 20 Kilometer durch Cali. Wer das Verkehrschaos dort kennt, weis was das für eine Anforderung ist. Gut nach einer dreiviertel Stunde stand ich vor der Klinik. Sie war offen. Gott sei Dank meine Frau ging es sehr schlecht und kaum noch ansprechbar. Freundlich wurde mir in der Klinik mitgeteilt, das leider kein Arzt anwesend ist. Meine Frau kann nicht behandelt werden. Ein netter Herr, der das Gespräch mit anhörte, bot mir an mich zu einer anderen Klinik zu bringen. Nun ging es wieder quer zurück, zum Krankenhaus xxxxxxxxxx. Was wieder gut eine dreiviertel Stunde gedauert hat. Vom Empfangspersonal war ich sehr begeistert. Meiner Frau wurde sofort ein Rollstuhl gebracht und durfte keinen Schritt mehr sich selbständig bewegen. Sie bekam ein weißes Bändchen mit ihren Daten umgehängt und ich als angehörige Person ein rotes. Es herrschten sehr starke Sicherheitsbestimmungen 

was nicht zu verurteilen ist. Als erstes bei der Anmeldung musste ich umgerechnet 80 Euro zahlen. Nur dafür das der Arzt sie anschaut. Nach einer kurzen Befragung, Kontrolle des Blutdruckes wurde Malaria vermutet. Um sicher zu gehen sind umfangreiche Kontrollen durch zu führen die bis zum Abend dauern. Für diese Ankündigung bekam ich wieder eine Rechnung über 200 Euro, die sofort bezahlt werden mussten, um mit den Untersuchungen zu beginnen. Nach der Bezahlung wurde sie in einen großen Saal mit 20 Betten geschoben, die alle belegt waren und in den nächste zwei Stunden erfolgte eine Blutabnahme und es wurde eine Infusion gelegt. Das war so gegen 14 Uhr. Gegen 20 Uhr erschien ein Arzt machte kurze Untersuchung und erklärte dann, dass es hier sich um Dengue-Fieber handelt und ihre Leberwerte erhöht sind. Sie müsste ein paar Tage in der Klinik verbringen. Zu diesem Zeitpunkt war unser Vertrauen auf das Minimum gesunken. Meine Frau hat dann, nachdem es ihr durch die Infusion schon wesentlich besser ging auf Entlassung unter Eigenverantwortung bestanden. Für die Entlassung habe ich dann noch einmal 40 Euro bezahlt. Auf meine bitte hin, uns ein Rezept für die Apotheke, was ich ja sowieso hätte zahlen müssen auszustellen wurde mit dem Hinweis abgelehnt wir sind keine Patienten der Klinik mehr. Positives zu sagen, das Personal war sehr höflich und freundlich.

Porträ Ignacio Barraquer Ignacio Barraquer

Situation seit 1980

 

Die Refraktive Chirurgie Keratomie  wurde 1964 von Ignacio Barraquer in Bogotá entwickelt. Am 10. Januar 1985 führte Elkin Lucena die erste erfolgreiche In-vitro-Fertilisation durch und ermöglichte damit die erste lateinamerikanische Geburt des Reagenzglas Babys Carolina Mendez. Am 14. Dezember 1985 führte Alberto Villegas mit der Operation an Antonio Yepes die erste Herztransplatation Lateinamerikas durch.(4)

Am 20. Mai 1994 erhielt Manuel Elkin Patarroyo den Prinzessin-von-Asturien-Preis  für seine technische und wissenschaftliche Erforschung des synthetischen Malariaimpfstoffs.

 

Im Jahr 2002 hatte Kolumbien 58.761 Ärzte, 23.950 Krankenpfleger und 33.951 Zahnärzte. Diese Zahlen entsprechen 1,35 Ärzten, 0,55 Krankenpflegern und 0,78 Zahnärzten pro 1000 Einwohner. 2005 soll Kolumbien nur 1,1 Ärzte pro 1000 Einwohnern gehabt haben, verglichen mit dem lateinamerikanischen Mittelwert von 1,5. Zum 1. Oktober 2014 gab es in Kolumbien 3620 Gesundheitseinrichtungen, inklusive Krankenhäuser, Kliniken und ambulante Dienstleistungen. Auf private Gesundheitseinrichtungen entfielen dabei 57 % aller Einrichtungen des Landes.(5)

In Kolumbien gibt es, wie auch in Deutschland, ein Krankenkassensystem – EPS - (4,5 Mio. Versicherte), in dem jeder Arbeitnehmer automatisch versichert ist – mit dem Unterschied, dass es in Kolumbien privatwirtschaftlich organisiert ist. Derzeit erzielen die Kassen einen Gewinn von über 3,5 Millionen Euro jährlich! Arbeitslose, Indigene und Arbeitnehmer ohne offiziellen Arbeitsvertrag können sich staatlich über "sisben" versichern (derzeit 31 Mio. Menschen). Aus Unwissenheit, weil die Gemeinden nicht genug über sisben aufklären, ist die Anzahl der Nicht-Versicherten erschreckend hoch (über 8 Mio.).

Beobachtungsstation Notaufnahme Krankenhaus in Cali

Die kolumbianische Verfassung garantiert jedem Bürger den Schutz seines Besitzstandes, seiner Gesundheit und seiner körperlichen Unversehrtheit. Dies beinhaltet, dass jeder Kolumbianer, ob sisben, EPS oder nicht versichert, das Recht auf Gesundheit hat, d.h. dass ihm die notwendigen Medikamente, Behandlungen und Gerätschaften bezahlt werden und dass jeder in jedem Krankenhaus aufgenommen und behandelt werden muss. Den Kassen wird vorgeschrieben, alles zu tun, um die Gesundheit der Bevölkerung zu steigern. Das zur Theorie – in der Praxis sieht es ganz anders aus.

Junge Mutter wartet auf die Behandlung

Bis Anfang der Neunziger Jahre gab es nur eine staatliche Krankenversicherung (serguro social). Ständig knapp bei Kasse, wirtschaftspolitischer Willkür ausgesetzt und als Monopolist auf dem Markt waren ihre Leistungen miserabel. Nur wohlhabende Kolumbianer konnten sich finanziell ihr Recht auf Gesundheit sichern. Dieser Missstand führte dann 1993 zu einer großen Reform, die das Gesundheitswesen für Privatanbieter öffnete. In den begleitenden Gesetzten wurde festgelegt, welche Leistungen von der Kasse zu tragen sind und für welche der Patient selbst aufkommen muss. Jedoch sind diese Regelungen sehr oberflächlich.

So kann es pasieren, dass Windeln, eine Nachtkrankenschwester und für eine Operation notwendiges Zubehör selbst gezahlt und organisiert werden muss. Was im groben Wiederspruch zur kolumbianischen Verfassung steht. Was machen Familien, die die finanziellen Mittel nicht haben, diese Dinge zu bezahlen und was geschieht dann erst mit Patienten, die nicht versichert sind? Es ist auch üblich das nahe Verwandte im Krankenhaus die Pflege durchführen.

medizinische Versorgung medizinische Versorgung

Um hier Klarheit zu schaffen wurde die "tutela" eingeführt. Ein Rechtsmittel, das es ermöglicht vor Gericht die notwendige, von der Krankenkasse abgelehnte Hilfe, einzuklagen. Auch hier gibt es wieder Theorie und Praxis, denn nur langsam verbreitet sich das Wissen über die tutela. Viele Kolumbianer wissen bis heute nicht, was ihnen genau zusteht und wie sie es einklagen können. Den Schritt zu Gericht zu "wagen", dort vorzusprechen bzw. ein Schreiben aufzusetzen, schreckt viele Menschen ab. 

Auf Grund der jahrzehntelangen Missstände im Gesundheitswesen neigen viele Kolumbianer dazu den einfachsten Weg zu gehen. "Wenn mir das Medikament von der Krankenversicherung nicht zusteht, dann ist das ebenso und ich kaufe es selber." (Soweit das finanziell möglich ist.) Vom Tag der Einklage darf der Prozess der tutela maximal eine Woche in Anspruch nehmen.Die Krankenkassen scheinen mit der Mentalität ihrer Landsleute zu rechnen und lehnen erst einmal so viele Leistungen wie nur möglich ab. Es für die Krankenkasse günstiger erst einmal alles abzulehnen und dann im Notfall, wenn der Patient seine Rechte per tutela bekommt, dies alles  nachzuzahlen

 

Sistema de Identificación de Potenciales Beneficiarios (Sisbén) 

Die Privatklinik Pablo Tobón Uribe in Medellín

Das System zur Identifikation von Zuschussempfängern (El Sistema de Seleccion de Beneficiarios para Programas Sociales) unterteilt Menschen nach ihrem sozio-ökonomischen Status in sechs Klassen, wobei zur Klasse I Obdachlose und Menschen in extremer Armut gehören und zur Klasse VI der höchste Grad an Wohlstand.(6)

 

Der größte Anteil der Subventionsleistungen konzentriert sich auf die Klassen I und II (und die neu geschaffene Klasse 0).(7) Die betrügerische Verteilung und Nutzung von SISBEN-ID-Karten mit Zugang zu Subventionen für niedrige Klassen ist derzeit eines der Hauptprobleme des Gesundheitssystems. Regionalpolitiker werden oft beschuldigt, solche Karten im Austausch für Wahlstimmen an Menschen zu verteilen, die darauf keinen gesetzlichen Anspruch haben. Falsche Identifikation zur Feststellung von Ansprüchen und politische Probleme fordern das System immer wieder heraus. Darunter leiden oftmals echte Anspruchsberechtigte, die auf die Subventionen angewiesen sind.

Entidades Promotoras del Servicio de Salud (EPS)

 

Der nationale Gesundheitsbeauftragte (Superintendencia de Salud) definiert, welche Organisationen die EPS-Kriterien erfüllen, also welche Organisationen Gesundheitsfördernde Einrichtungen sind. Dabei sind Kriterien unter anderem Infrastruktur, Kapital, Patientenzahl, Reichweite und Dienstleistungen. Einige EPS-Organisationen bieten einen Plan Complementario an, der eine Vorzugsbehandlung und größere Kostenübernahme beinhaltet. Die meisten EPS-Organisationen bieten zusätzlich Medicina Prepagada an, wodurch die bestmögliche Versorgung mit bester Betreuung und einer höheren Priorität dem Patienten zu wesentlich höheren Kosten garantiert.

Aktuelle Gesundheitsausgaben pro Kopf in us-Dollar. Die Schätzungen der derzeitigen Gesundheitsausgaben umfassen Gesundheitsgüter und Dienstleistungen, die jedes Jahr verbraucht werden. https://knoema.de/atlas/Kolumbien/Gesundheitsausgaben-pro-Kopf
zum 15. Geburtstag neue Brüste

Kolumbien gehört zu den sieben Ländern der Welt mit den meisten Schönheitsoperationen. (siehe Wirtschaft) Laut Statistiken der Internationalen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie gab es in dem südamerikanischen Land im Jahr 2015 mehr als eine halbe Million chirurgische und nichtchirurgische Eingriffe. Im Land der Telenovelas und Miss-Wahlen ist das Aussehen der Frauen eine Obsession. Nicht selten bekommen Mädchen zum 15. Geburtstag, der in Lateinamerika besondere Bedeutung hat, „neue Brüste“ geschenkt.

 

(1) Historia medicina colombiana ( Internet Archiv)

(2) Historia de la Medicina – Compumedicina (Internet Archiv)

(3) SINTITUL-4 (Internet Archiv)

(4) Historia de la Cirugía.(Inernationale Archiv)

(5) Ministerio de Salud minsalud.gov.co/salud/Paginas/rips.aspx, abgerufen am 13. April 2019 (spanisch)

(6) iadb.org Internet Archiv

(7) eltiempo.com

 

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Aktualisiert: 02.06.2020

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