Kolumbien - Land im Zwiespalt und der Gegensätze
 Kolumbien -Land im Zwiespalt und der Gegensätze  

Wirtschaft, Handel & Entwicklung

Blick auf die Hafenanlage Cartagenas

 

Die kolumbianische Wirtschaft ist derzeit im Wandel begriffen. Das Land hat sich in den letzten 10 Jahren, trotz vieler ungünstigen Grundvoraussetzungen zu einer führenden Wirtschaftsnation in Lateinamerika entwickelt. Zuvor wurde das Wachstum der Wirtschaft immer wieder durch den internen bewaffneten Konflikt, Kriminalität, Vetternwirtschaft und Korruption bis in den höchsten Regierungsebenen eingeschränkte. Trotz Kolumbiens immenser Ressourcenreichtum, seiner geostrategisch einmaligen Lage im Zentrum des amerikanischen Doppelkontinents mit Zugang zu beiden Ozeanen und ein erhebliches Arbeitskräftepotential überwiegten jedoch bisher die genannten Nachteile. Durch den Friedensvertrag mit der FARC erhofft man sich für as Land mehr Sicherheit und Stabilität  und damit neuen Freiräume. Die wirtschaftliche Öffnung, der „Apertura económica“ orientiert sich an marktwirtschaftlichen Grundsätzen und den Versuch ausländische Investoren in das Land zu holen. Forbis, ein US-Magazin klassifiziert Kolumbien 2017 weltweit an 61. Stelle in einem Ranking zum Thema „Die besten Länder für Unternehmen“1

1Best Countries for Business – 2016 RANKING. forbes.com. Abruf am 08. März 2018 (englisch)

Kolumbien hat die am schnellsten wachsende Informationstechnologie-Industrie in der Welt und das mit 19.000 Kilometer längste Glasfasernetz in Lateinamerika.2 Laut der Prognose wird die Zahl der Internetnutzer in Kolumbien im Jahr 2019 bei 32 Millionen liegen.3 Kolumbien hat außerdem eine der größten Schiffbauindustrien weltweit außerhalb Asiens.

 

2Azteca Installs 12,000 km of Fiber Optic Cable in Colombia. azooptics.com. Abruf am 08. März 2018(englisch)

3Prognose zur Anzahl der Internetnutzer in Kolumbien. de.statista.com. Abruf am 08. März 2018

Kolumbiens Wirtschaftswachstum im Vergleiche mit Lateinamerika, kopiert aus https://www.liportal.de/kolumbien/wirtschaft-entwicklung/

In den letzten 20 Jahren hat Kolumbien die meisten anderen Volkswirtschaften der Region mit einem Wirtschaftswachstum bis zu 7% pro Jahr überflügelt und nimmt den 3 Platz der Volkswirtschaften Lateinamerikas und den 40 Platz Weltweit 2017 ein5. Der Durchschnitt der letzten 15 Jahre beträgt 4,6%. Von 1990 stieg das Bruttoinlandprodukt pro Kopf von US$ 1.500 auf US$ 14.100 2016. Das entspricht laut Weltrangliste den 117 Platz4.

4Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf. laenderdaten.de. Abruf am 8. März 2018

5Liste der Länder nach Bruttoinlandsprodukt Abruf 08.März. 2018 Daten beruhen auf Berechnungen des Internationalen Währungsfonds

Laut der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) ist eine „gute Arbeit“ die Kombination von zwei grundlegenden Dingen: Quantität und Qualität. Die Quantität wird auch an der Höhe der Erwerbsbeteiligung und der Beschäftigung gemessen und die Qualität an der Höhe der Formalität und des Gehalts. Unter Berücksichtigung dieser Variablen hat das Institut den „Index of Best Jobs“ entwickelt. Der Bericht analysiert, welche lateinamerikanischen Länder die besten Arbeitsplätze bieten. Einer der Schlüsselfaktoren, der die Wahl des einen oder anderen Arbeitsplatzes bestimmt, ist das Gehalt. Unter Berücksichtigung dieser Variable sind die Länder mit dem höchsten monatlichen Mindestlohn: Argentinien mit 530 US-Dollar, Costa Rica mit 527, Uruguay mit 430 und Paraguay mit 393 US-Dollar. Kollumbien liegt hier auf Rang neun.16

16 entnommen aus ""Die fünf Länder Lateinamerikas mit den qualitativ hochwertigsten Arbeitsplätzen" latinapress, Michael Unsleber, 12.08.2018

Wirtschaftsstruktur

Wichtigster Wirtschaftszweig Kolumbiens ist der Bergbau. Kohle, Erdöl, Smaragde und Nickel machen 47 % der Exporte des Landes aus6. Dabei steht Erdöl an erster Stelle mit 33,2% der Exporteinnahmen. Die Vorkommen liegen zwischen 1,54 und 1,84 Milliarden Barrel7. Dazu kommt eine Gasförderung, die über das Jahr hinweg bei 908,7 Mio Kubikfuss/Tag liegt

 

.7Colombia produjo en promedio 854.121 barriles de crudo diarios en 2017 eltiempo.com, abgerufen am 13. März 2018

Kohlewirtschaft Kolumbiens in Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Kohlewirtschaft_Kolumbiens

Der Export von Steinkohle liegt an zweiter Stelle. Kolumbien hat mit geschätzt rund 7,4 Milliarden Tonnen, die größten Kohlereserven in Südamerika, Es wird geschätzt, dass 72 Prozent der Vorkommen qualitativ hochwertige Kesselkohle ist.8 Kolumbien belegt weltweit den 11. Platz bei der Produktion von Kohle, wovon 90 Prozent exportiert wird. Die Kohleproduktion wurde in den letzten Jahren erheblich ausgeweitet, wobei jedoch kaum Umweltverträglichkeitsprüfungen existieren, was unter anderem zur erheblichen Grundwasserverseuchung führte. Die Menschenrechte der Anwohner werden unter anderem durch Vertreibungen und Verschmutzung sowie durch gefährliche Arbeitsbedingungen und Bedrohung deren Gewerkschaftlern durch Paramilitärs verletzt.

Drohungen, Vertreibung, Morde - jahrelang haben paramilitärische Einheiten Platz für den lukrativen Kohleabbau im Nordosten Kolumbiens geschaffen. Zwischen 1996 und 2006 wurden fast 60.000 Menschen vertrieben und 2.600 Menschen ermordet. Profiteure der Menschenrechtsverletzungen sind auch deutsche Energieversorger. Die billige Energie aus Lateinamerika hat für die Menschen dort einen hohen Preis: Viele wurden in der Provinz Cesar für den Kohleabbau vertrieben, verschleppt, misshandelt und getötet. Minenkonzerne sollen Paramilitärs damit beauftragt haben. Im Zusammenspiel mit Grundbesitzern und korrupten Regierungsbeamten sollen sie so an große Grundstücke in den heutigen Kohlegebieten gekommen sein. 

8 Manfred Fuchs, Tilman Schiel: Der Preis der Kohle: eine vergleichende Studie über den Kohlebergbau in Kolumbien, Südafrika und Polen. C. H. Beck, 1997, S. 14.

Smaragte aus Chivo

Kolumbien ist Hauptlieferant für Smaragde von hoher Qualität in die ganze Welt. Die Smaragdvorkommen bilden einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor, vor allem für den Außenhandel. Jährlich werden Smaragde mit einem offiziellen Handelsvolumen zwischen 150 und 400 Mio. US-Dollar exportiert, wobei der gleiche Betrag für den Schwarzhandel erwartet wird.

Kolumbien ist außerdem ein bedeutender Hersteller von Nickel. 2009 lag das Land Weltweit an 4 Stelle der Bergwerksproduktion mit 100.539 Tonnen im Jahr6

Liste der größten Nickelproduzenten, https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_größten_Nickelproduzenten  Abruf am 13.03.2018

Andere Bodenschätze wie Gold, Platin und Silber sind ebenfalls wichtige Exportgüter. Wobei gesagt werden muss das nahezu 80 Prozent der gesamten Goldproduktion von Kolumbien aus illegalen Goldminen kommen. Die Regierung hat zwar den gesetzlosen Treiben den Krieg erklärt aber ein durchschlagender Erfolg lässt noch auf sich warten.

Industrie

Abgesehen von den Bergbaubetrieben gehören zu den bedeutenden Industriezweigen Kolumbiens neben Textil-, Nahrungs- und Genussmittelindustrie die chemischen Industrie, der Maschinen- und Fahrzeugbau, die Gummi- und Papierindustrie sowie die Petrochemie und Elektrotechnik. Die meisten Industriestandorte sind in den Ballungszentren in den Kordilleren (z. B. Cali, Medellín, Bogotá) sowie an der Nordküste in Cartagena, Santa Marta und Barranquilla angesiedelt.

Landwirtschaft

In den tropischen Zonen werden Früchte wie Bananen, Ananas, Papaya, Kakao, Reis, Zuckerrohr, Kartoffeln, Baumwolle oder Tabak angebaut. In den gemäßigteren Gebieten wachsen Zitrusfrüchte, Yucca, Tomaten und Getreide.

Fruchtstand

Bei der Bananenproduktion steht das Land weltweit an fünfter Stelle mit mehr als 1,5 Mio. Tonnen.  Mehr als 60.000 ha Land werden für die Bananenproduktion in Anspruch genommen, was ca. 7 % der mit Obst belegten Agrarfläche ausmacht. Nur 16 % sind dabei für den Binnenmarkt bestimmt. Insgesamt exportierte Kolumbien 2010 knapp 96 Mio. Kisten Bananen im Wert von 713,7 Mio. US-Dollar. Die kolumbianische Bananenproduktion für den Export finden ausschließlich in zwei Regionen statt: Urabá (Antioquia) und Magdalena. Beide gelten immer noch als Konfliktregionen, geprägt vom jahrzehntelangen Kampf zwischen Staatsgewalt (Polizei, Militärs), der linksgerichteten Guerilla und den rechtsgerichteten Paramilitärs. Antioquia (Urabá) stellt mit mehr als 70 % der Fläche und dem größten Exportanteil mit Abstand die wichtigste Exportregion dar. Nach Schätzungen von AUGURA, Kolumbiens Verband der Bananenproduzent/innen, findet die Bananenproduktion für den Export auf 46.500 ha Land statt: 13.000 ha in Santa Marta (Magdalena) und 35.500 ha in Urabá. Der Großteil der Bananenproduktion Kolumbiens ist im Gegensatz der anderen Banane exportierende Länder in der Hand nationaler Unternehmen. Die zwei bedeutendsten Bananenexporteure Kolumbiens, Uniban und Banacol, tätigen derzeit zusammen 62 % der Gesamtexporte.10

 

betroffene Bananenpflanze TR4

Jetzt ist die Bananenproduktion massiv bedroht. Bananenplantagen in Kolumbien sind von einem Pilz befallen, der infizierte Pflanzen absterben lässt. Betroffen sei die Sorte "Cavendish", die auch nach Deutschland exportiert werde, teilte der Deutsche Fruchthandelsverband am Dienstag in Bonn mit. Das Kolumbianische Landwirtschaftsinstitut (ICA) habe bestätigt, dass in Labortests die sogenannte Panama-Krankheit Tropical Race 4 (TR 4) auf Bananenfarmen in der karibischen Küstenregion festgestellt worden sei. Die ersten beunruhigenden Meldungen gab es bereits im Juni 2019. Der gefährliche Pflanzenschädling TR4 könnte, so hieß es damals, Bananenplantagen im äußersten Nordosten Kolumbiens erreicht haben. Das wäre ein massives Problem, weil sich damit der Siegeszug des gefährlichen Erregers fortgesetzt hätte, der die weltweite Bananenproduktion in die Knie zu zwingen droht. Kolumbien hat deswegen den nationalen Notstand ausgerufen. Der Erreger dringt über die Wurzeln in die Bananenpflanze ein. Das führt dazu, dass sie vertrocknet und keine Früchte mehr trägt. TR4 ist gegen Fungizide resistent, es gibt keine Gegenmittel. Eine Option ist, den Anbau von Bananen in dem betroffenen Gebiet einzustellen.

Kakaofrucht

Interessanterweise war der Anteil multinationaler Konzerne an der kolumbianischen Bananenproduktion einst höher: Bis 2004 war eine Firma namens Banadex zum Großteil in der Hand von Chiquita Brands. Auf Grund von Anklagen über Verwicklungen im kolumbianischen Bürgerkrieg verkaufte Chiquita 2004 jedoch seinen Anteil an Banacol. Zur dunklen Geschichte gehört auch dass alle Bananenfirmen die Paramilitärs unterstützten. Nach Aussagen von Salvador Mancuso ehemaliger militärischer Chef der Vereinigten Selbstverteidigungskräfte Kolumbiens (AUC) wurde Ende 1997 ein Pakt zwischen den Bananenproduzenten und den Paramilitärs abgeschlossen. Die Paramilitärs ließen sich gut für den Schutz der Bananenproduzenten, Vertreibung kleinere und mittlere Produzenten von ihren Plantagen und Einschüchterung und Ermordung von Gewerkschaftsfunktionäre bezahlen. Besonders Chiquita und Dole taten sich dabei hervor.10Die kolumbianische Generalstaatsanwaltschaft hat im September 2018 nach jahrelangen Ermittlungen Anklage gegen 13 frühere leitende Angestellte und Mitarbeiter der Fruchthandelsgesellschaft Chiquita Brands International wegen Zahlungen an Paramilitärs erhoben. Für die Staatsanwaltschaft steht mittlerweile außer Frage, dass die Mitarbeiter, die sich nun vor Gericht zu verantworten haben, zumindest Kenntnis über die Zahlungen gehabt haben müssen. Die nun unter Anklage stehenden Führungskräfte des Unternehmens sollen demnach von der Art der bewaffneten Organisation gewusst und Kenntnis über deren Handlungen gehabt haben, wie aus einem 461-seitigen Dokument der Generalstaatsanwaltschaft hervorgeht. Bei den Beschuldigten handelt es sich um acht Kolumbianer, sowie drei US-amerikanische Staatsbürger und jeweils einen Mitarbeiter aus Honduras und Costa Rica. Da es sich bei den zur Last gelegten Straftaten um "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" handelt, können diese nicht verjähren. Zudem wird einmal mehr gegen Álvaro Uribe ermittelt, den ehemaligen Präsidenten und Gouverneur der Provinz Antioquia.17

 

10Das krumme Ding mit der Banane, SÜDWIND e.V. – Institut für Ökonomie und Ökumene Siegburt, April 2012, gesamte Ausgabe als PDF-Dokument unter Dokumente

17 "Anklage in Kolumbien gegen Chiquita wegen Zahlungen an Paramilitärs",

Von Jonantan Pfeifenberger, amerika21, 08.09.2018

 

Kaffeefrucht, Kaffeeplantage bei Pereira

Derzeit steht Kolumbien auf den dritten Platz der Top-Exportnation von Rohkaffee mit etwa 810.000 Tonnen und ist weltweit größte Produzent von Fairtrade-Kaffee. Die Besonderheit ist, dass der Kaffee hier zwei Mal jährlich geerntet werden kann. Es sind hauptsächlich Kleinbauern für den Anbau von fast ausschließlich Arabica-Bohnen verantwortlich.

In Kolumbien sieht die Zukunft des Kaffeeanbaus düster aus. Trotz Regierungshilfen in zweistelliger Millionenhöhe wechseln viele Kaffeebauern angesichts niedriger Preise und hoher Kosten zu anderen Pflanzen oder geben ganz auf. Jose Eliecer Sierra hat über drei Jahrzehnte Kaffee angebaut - nun konzentriert sich der 53-jährige auf Hass Avocados und hält Rinder. "Avocados sind im Ausland stark gefragt", sagt Sierra. Es ist nicht das erste Mal, dass sich kolumbianische Kaffeebauern nach Alternativen umschauen. Viele Bauern wechselten verzweifelt - auch unter dem Druck bewaffneter Banden - zum deutlich lukrativeren Anbau von Koka, dem Ausgangsstoff für Kokain.

 

Anderen dürfte selbst der Umstieg auf andere Pflanzen nicht helfen. "Ich stecke bis zum Hals in Schulden", sagt Uriel Posada, der mehr als 30 Jahre als Maler in den USA arbeitete und davon träumte, zurück nach Kolumbien zu kommen, um Kaffee anzubauen. Nun steht sein Grundstück auf einem steilen Hügel mit 30.000 Kaffeebäumen zum Verkauf.

 

"Brasilien hat einen großen Vorteil. Das Land ist flach und sie haben Maschinen. Ich muss einen Menschen bezahlen, der von Baum zu Baum, von Zweig zu Zweig geht, um die roten Kaffeekirschen zu pflücken." Avocados und Rinder seien zwar gute Alternativen, dafür seien aber Startkapital und eine Übergangszeit nötig, die viele nicht hätten. "Ich verkaufe, zahle meine Schulden zurück und gehe. Das ist das Ende meines kolumbianischen Traums."

Kartoffel im Supermarkt

Bei der Produktion von Kartoffeln ist Kolumbien neben Peru und Brasilien in Lateinamerika führend. Die ursprüngliche Heimat der Kartoffel sind die Anden. Dort wird sie auch heute noch überwiegende von Kleinbauern kultiviert. Dabei werden Sorten gepflanzt, die anderswo auf unserer Welt unbekannt sind. Nirgendwo hat sie einen größeren genetischen Reichtum, wie in dieser Region.

Orchidee bei Cartagena

Kolumbien ist der zweitwichtigste Schnittblumenproduzent der Welt mit 200000 Tonnen jährlich hinter den Niederlanden und ist der größte Produzent von Nelken. Das Ziel ist, bis 2030  die Blumenexporte zu verdoppeln und internationale Märkte zu öffnen, besonders in Asien, einschließlich China. An Orchideen hat das Land mit 3500 Arten das weltweit größte Angebot. In 2012 exportierte Kolumbien mehr als 200.000 Tonnen Blumen im Wert von US$ 1,27 Milliarden.12 Über 80 Prozent der kolumbianischen Blumen gehen in die USA. Nach Deutsch kommen fast ausschließlich Rosen und Nelken im Wert von neun Millionen Euro. Leider ist es hier genauso wie in vielen anderen Branchen. Die Blumen werden zum Dumpingpreis verschleudert auf Kosten der Arbeiter. Oft sind sie in Subunternehmen beschäftigt die weit unter Mindestlohn zahlen. Bei den Kooperativen sind Gewerkschaftler nicht erwünscht und das gilt für viele Unternehmen der Blumenbranche. "Unabhängige Gewerkschafter nicht erwünscht" lautet das Motto der Branche. Auch der nationale Blumenverband Asocolflores, in dem rund siebzig Prozent der Unternehmen der Branche organisiert sind, macht kaum Anstalten, für faire Leitlinien zu sorgen. Um den schlechten Image zu verbessern hat man das Label „Flor Verde“ auf den Markt gebracht was faire Produktionsbedingungen suggerieren soll. Leider ist das eine Mogelpackung. Im Gegenteil – Asocolflores deckt schwerwiegende Arbeitsrechtverletzungen seiner Mitgliedsunternehmen11. Trotzdem sind die Kolumbianer sehr stolz auf diesen Arbeitssektor.

11Gerdrutd Falk von Fian International

12Blumen aus Bogotá. nzz.ch. Abruf am 20. März 2017

Guadua-Bambus als Baugerüst in Buenaventura

Kolumbien ist weltgrößter Produzent von Guadua-Bambus. Der vor allem für den mehrstöckigen Hausbau und Brückenbau aber auch für den Gerüstbau verwendet wird. Es ist der dickste und die härteste Bambusart und kann sogar Stahl ersetzen. Der Guadua-Bambus erreicht eine Wuchshöhe von 20 bis 30 Metern mit Halmdurchmessern von durchschnittlich 11 cm. Die Wandstärke beträgt im unteren Bereich des Halms 30 bis 35 mm, in höheren Bereichen 10 mm. Es wird geschätzt das in Kolumbien 51.000 Hektar von diesem Bambus bedeckt sind, davon 5.300 Hektar durch Guadua-Plantagen. Er wächst in einer Höhenlage von 400 bis 2000 m bei einer Niederschlagsmenge von 1300 Millimeter pro Jahr.

Vor wenigen Jahrzehnten noch ein Nischenprodukt, werden Ölpalmen in Kolumbien mittlerweile auf über 500.000 Hektaren angebaut (2017). Die Jahresproduktion von Palmöl ist letztes Jahr auf über 1,6 Millionen Tonnen gestiegen. Etwa 50 Prozent davon werden exportiert, einerseits für die Lebensmittel und Kosmetikproduktion, aber auch für die Produktion von Biodiesel in Europa. Nach Kaffee ist Palmöl heute das zweitwichtigste Agrarexportgut Kolumbiens. In Lateinamerika ist Kolumbien mit Abstand der größte Produzent von Palmöl, weltweit steht das Land nach Indonesien, Malaysia und Nigeria an vierter Stelle. Der Boom begann mit den Wirtschaftsliberalisierungen in den 1990er Jahren und nahm unter dem ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe nochmals deutlich zu. Im Jahr 2000 wurden etwa 156.000 Hektaren mit Ölpalmen bepflanzt.17

17Vergleiche "Palme der Hoffnung, Palme der Probleme" von Fabien Dreher. ASK Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien, 28.12.2018 Archiv

Weite Gebiete sind der Viehwirtschaft vorbehalten. Der wirtschaftlich relevante Tierbestand umfasst vor allem Rinder, Schweine, Schafe und Pferde. So wurden 2014 837.000 Tonnen Rind und Büffelfleisch produziert.

Drogen

Cocapflanze

Das Drogengeschäft in Kolumbien ist illegal aber ein entscheidender Wirtschaftsfaktor. Das Land gilt trotz der Bekämpfung der Drogenkartelle weiterhin als zentraler Knotenpunkt des internationalen Kokainhandels. Es wird geschätzt das jährlich etwa 70% des Kokainhandels durch kolumbianische Drogenkartelle erfolgt, das waren für 2016 geschätzte 710 Tonnen.14 Hauptexportländer sind die USA und Mexiko. Seit den 90er Jahren entwickelt sich Kolumbien außerdem zu einem wichtigen Heroinproduzenten. Die 4000 ha Anbaufläche an Schlafmohn werden in 5t Heroin im Jahr umgewandelt13. Auch die Marihuana Produktion erlebt eine neue Renaissance.

13Nationalen Studie zu Drogenkonsum und Gesundheit

14 entnommen aus UNODC Weltdrogenbericht 2010

Mohnfeld

Der Charakter des Drogenhandels als "Schattenwirtschaft" macht es unmöglich, den Einfluss auf die Wirtschaft genau zu messen. Er ist aber ebenso beträchtlich wie die Auswirkungen auf das gesamte staatlich-gesellschaftliche Gefüge des Landes und deren Nachbarländer. Nicht zu vergessen sind die negativen Folgen für die Natur und der Umwelt. 2016 existierten in Kolumbien 188.000 ha Kokapflanzungen mit 57% der weltweiten Produktion. Die Anbauflächen für Kokain wachsen sprunghaft weiter. Da zwischen Anbau und Verkauf schätzungsweise zwei bis drei Jahre vergehen, befürchten Experten, dass die große Lieferung noch kommt - die Kokain-Welle also gerade erst anrollt. Durch den Drogenanbau werden sensible Ökosysteme wie der amazonische Regenwald zerstört. Nicht unerheblich sind die Langzeitfolgen der eingesetzten Pestizide.

Chema Drogenverteilung, aus Kurier Infokrafik

Besonders die USA wird von dem kolumbianischen Kokain überschwemmt. 90 Prozent der getesteten Proben stammen aus Kolumbien15. Präsident Santos war sich sicher, damit auch das Coca-Problem in den Griff zu bekommen. Die Rebellen hatten den 52 Jahre dauernden Kampf gegen die Regierung hauptsächlich mit Kokain finanziert - oft als Zwischenhändler zwischen Bauern und mexikanischen Drogenkartellen, die die Ware in die USA bringen. Nun haben mit dem Friedensvertrag zwar 7000 Guerilleros ihre Waffen niedergelegt und sind aus dem Drogengeschäft ausgestiegen. Doch wer dachte, dass sich damit die Drogenproduktion von alleine erledigt hätte, irrt. Um die durch den Rückzug der FARC entstandene Lücke wird seither unter Gangs und Kartellen erbittert gestritten. Auch die "nationale Befreiungsarmee" ELN, bringt sich offenbar zunehmend in den Drogenhandel ein, berichtet die kolumbianische Wochenzeitung Semana. Narcos eine US-amerikanische Kriminal- und Historien-Dramaserie gibt einen relativ guten Einblick über Drogenkartelle in den 1980er und 1990er Jahren in Kolumbien.

15jährlichen Bericht des US-Außenministeriums März 2017

Das Hauptproblem ist, dass viele kolumbianische Farmer äußerst arm sind und unter dem Existenzminimum leben. Allein mit dem Anbau von Kakao, Bananen oder Kaffee schaffen sie es nicht, ihre Familien zu ernähren. Mit dem illegalen Coca-Anbau hingegen verdienen sie genug, um ein einigermaßen normales Leben zu führen.

Um dieses Problem Herr zu werden wird die kolumbianische Regierung von der USA massiv mit Geld unterstützt. Seit 2000 erhielt Kolumbien für den Plan „Plan Colombia“ mehr als zehn Milliarden Doller. Plan Colombia ist ein Programm der kolumbianischen Regierung, dass die Armee legitimiert, für polizeiliche Zwecke aktiv zu werden. Offiziell ausgerichtet ist der Plan auf den sogenannten „Krieg gegen Drogen“.  Der Plan wurde im September 1999 vom Präsidenten Kolumbiens, Andrés Pastrana, in englischer Sprache veröffentlicht, als „Plan für den Frieden, den Wohlstand und die Erneuerung des Staates“.

Der Plan Colombia wird der der Weltöffentlichkeit und dem eigenen Land als militärischer und politischer Erfolg verkauft. Dass dies irreführend ist wird deutlich, sobald wir uns den Schaden und die Tragödien vergegenwärtigen, die der mehr als fünf Jahrzehnte dauernde bewaffnete Konflikt der Bevölkerung zugefügt hat. Ergebnis von 18 Jahre Plan Columbia ist eine enorme Verletzung der Rechte der armen Bevölkerung die zu hunderttausende ihr Land, Hab und Gut und tausende ihr Leben verloren. Ich denke diesen Drogenkrieg hat Kolumbien und die USA verloren.

Caffeebauer

Die Santos-Regierung hat erkannt, dass es neue Wege braucht, um Kolumbien vom Coca zu befreien. Neuerdings erhalten Bauern Geld dafür, wenn sie statt Coca-Pflanzen einfach Gemüse anbauen. Bis zu 32 Millionen kolumbianische Pesos. (etwa 10 000 Euro) Förderung sollen Familien in einem Zeitraum von zwei Jahren erhalten, heißt es. Regierungsvertreter ziehen derzeit über die Dörfer und versuchen die Coca-Bauern von dem neuen Plan zu überzeugen. Das Geld soll allerdings nur dann fließen, wenn das gesamte Dorf frei von Coca-Pflanzen ist16. Experten glauben, dass die Drogenbanden sich sonst gar nicht erst aus einer betroffenen Gegend zurückziehen. Die Zahlungen erhalten übrigens auch Bauern, die ohnehin keine Coca anbauen. Das soll Streit unter den Landwirten verhindern.

Semana  „La coca se dispara“

 

Dienstleistungs-Sektor

Lichthof Hotel Simon Bolivar Cartagena

Auch der Dienstleistungssektor ist mittlerweile auf dem Vormarsch. In der Hoffnung durch das Friedensabkommen mit der FARC und Eindämmung der Kriminalität mehr Sicherheit für das Land zu erreichen, möchte die kolumbianische Regierung vor allem den Tourismus ausbauen. Hier wird besonderer Wert auf Ökotourismus gelegt, um die Einzigartigkeit des Landes im Hinblick auf Natur, aber auch Kultur zu bewahren. Dafür bietet Kolumbien abwechslungsreiche Reisearten mit Sonne, Strand, Architektur und Kultur, Festen, aber auch viel Sport und Abenteuer, die einige Reiseveranstalter als individuelle Reisen oder Gruppenreisen im Programm haben. 2015 belegte das Land den 49 Platz im Weltvergleich mit einem Anteil von 0,4%.

 

Das Ministerium für Handel, Industrie und Tourismus gab am Donnerstag den 27.2.2020 bekannt, dass 2019 ein Jahr mit Rekordzahlen für den Tourismus in Kolumbien war. Die Zahl der ausländischen Besucher, die in das südamerikanische Land kamen, betrug demnach 4.515.932. Dies ist ein Wachstum von 2,7 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Auch bei der Hotelauslastung gab es einen Rekordwert von 57,8 Prozent. Das nominale Einkommen der Reisebüros stieg um 3,7 und das Einkommen der Hotels um 10,6 Prozent.

Junge Frau aus Buenaventura

Nicht zu vergessen ist der Tourismus in Verbindung mit den Angeboten der Schönheitschirurgie. Ausländer sehen Kolumbien laut der Generalsekretärin der Internationalen Gesellschaft für Ästhetische Plastische Chirurgie und Präsidentin der kolumbischen Gesellschaft für plastische Chirurgie Dr. Lina Triana immer mehr als Hauptort für plastische Chirurgie. Diese zeichnen sich aus durch hochqualifizierte   Fachkräfte, modernste Technik und günstige Preise aus. In Kolumbien liegen die Preise bei ca. 40 - 50% der Preise in Deutschland. In Deutschland kann sich immer noch jeder approbierte Arzt "Schönheitschirurg" nennen - in Kolumbien jedoch nicht! Die Bezeichnung "Schönheitschirurgie" ist in Deutschland nicht geschützt.  Insofern ist es rein juristisch zulässig, dass jeder Arzt diesen freien Begriff für seine Tätigkeit benutzt. In Kolumbien braucht man eine entsprechende Qualifizierung dazu.

Aktuelle wirtschaftliche Entwicklung 2016 – 2018 15

Der Ölpreisverfall 2015 und 2016 traf Kolumbien hart und reduzierte empfindlich die Einnahmen der Regierung, woraufhin diese die Steuern erhöhen musste. Das wiederum drückte auf die Laune der Konsumenten. Kolumbiens Wirtschaft entwickelte sich im 1. Halbjahr 2017 so schlecht wie zuletzt 2009. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nahm nur um 1,2 Prozent zu. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer zu Jahresbeginn wirkte sich negativ auf das verarbeitende Gewerbe aus, da weniger konsumiert wurde. Die Industrieproduktion fiel daher im 1. Halbjahr um 1,9 Prozent. Auch die Bauwirtschaft legte nach einigen starken Jahren eine Pause ein und sank im 1. Halbjahr um 0,6 Prozent, vor allem wegen eines Einbruchs im Hochbau. Der Tiefbau expandiert dank dem Autobahnprogramm 4G, welches in den kommenden Jahren ein Wachstumstreiber der kolumbianischen Wirtschaft sein wird.

Der deutliche Rückgang der Erdölproduktion wirkt sich ebenfalls negativ auf das Wirtschaftswachstum aus. Die Erdölproduktion sank seit Anfang 2015 um 17,7 Prozent auf etwa 850.000 Barrel pro Tag (bpd), da die Unternehmen wegen des niedrigen Ölpreises ihre Investitionen in Exploration und Förderung drosselten. Für die kommenden Jahre wird eine weiterhin abnehmende Förderung erwartet. Die Investitionen des Sektors könnten jedoch dank einer allmählichen Erholung des Ölpreises und der geplanten Steueranreize wieder steigen. Das stärkste Wachstum legte im 1. Halbjahr der Agrarsektor hin mit 6,1 Prozent. Der abgewertete Peso treibt die Exporte des Sektors an, insbesondere von Fleisch und Milchprodukten.

Die Wirtschaftslage hat sich im 2. Halbjahr 2017 dank niedrigerer Zinsen, einem weiterhin starken Agrarsektor und Investitionen in die Infrastruktur etwas erholt. Das renommierte Wirtschaftsforschungsinstitut Fedesarrollo erwartet ein BIP-Wachstum von 2,8 Prozent und für die Jahre 2018 bis 2021 ein durchschnittliches Wachstum von 3,6 Prozent jährlich.

Die Bruttoanlageinvestitionen stabilisierte sich im 1. Halbjahr 2017 (+0,2 Prozent), nachdem sie 2016 noch um 3,6 Prozent gefallen waren. Der schwache Peso hatte die Preise von importierten Maschinen und Anlagen sowie Transportmaterial steigen lassen, weshalb weniger in diese Güter investiert wurde. Niedrigere Zinsen dürften die Investitionen nun wieder ankurbeln. Die Zentralbank Banco de la República hat ihren Leitzins zwischen August 2016 und August 2017 schrittweise von 7,75 auf 5,25 Prozent reduziert. Die Zinssenkungen werden von den Banken aber nur langsam an die Endkunden weitergegeben, so dass sich die Kreditvergabe an Unternehmen bislang kaum erhöht hat.

Der Erdölsektor dürfte in den kommenden Jahren, abhängig von der Entwicklung des Ölpreises, wieder mehr investieren. Die höchsten Investitionen werden jedoch im Infrastruktursektor fließen, da Kolumbien seine Verkehrsinfrastruktur modernisiert. Dies umfasst Autobahnen, Flughäfen, Binnenschifffahrt und öffentliche Nahverkehrsmittel, wie etwa die erste Metrolinie in Bogotá. Die ausländischen Direktinvestitionen nach Kolumbien lagen im 1. Halbjahr bei 5,2 Milliarden US-Dollar (US$), wovon die höchsten Summen in den Erdölsektor, die Industrie sowie in den Einzelhandel, Restaurants und Hotels flossen.

Möbelproduktion in Sampues

Der Haushaltskonsum nahm im 1. Halbjahr 2017 um 1,5 Prozent zu, deutlich unter dem durchschnittlichen Wachstum der Jahre 2010 bis 2016 von 4,1 Prozent. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer IVA von 16 auf 19 Prozent am 1. Januar 2017 drückte die Laune der Konsumenten. Vor allem der Absatz mittel- und langlebiger Güter wie Kfz, Möbel, Kleidung und Haushaltselektronik war schwach. Die Arbeitslosigkeit lag im Juli 2017 bei 9,7 Prozent, ähnlich wie vor einem Jahr. Damit kommen auch vom Arbeitsmarkt keine Impulse für den Konsum der Privathaushalte.

Kolumbiens Außenhandel erholt sich allmählich von den Rückschlägen der Jahre 2015 und 2016. Die Exporte profitieren von dem wieder etwas höheren Erdölpreis sowie steigenden Lebensmittelausfuhren. Die Importe überschritten in der 2. Jahreshälfte 2016 ihren Tiefpunkt ausgelöst durch die Peso-Abwertung und zeigen nun langsam wieder nach oben. Für das Gesamtjahr 2017 ein Plus von 3,3 Prozent bei den Importen und 10,2 Prozent bei den Exporten. Der Wechselkurs soll sich Prognosen zufolge mittelfristig bei rund 3.000 kol$/US$ halten, wobei ein leichter Abwertungsdruck von den erwarteten Zinserhöhungen in den USA ausgeht. Die Einfuhren aus Deutschland lagen 2016 mit 1,7 Milliarden US$ rund ein Drittel unter ihrem bisherigen Rekord aus dem Jahr 2014. Zwischen Januar und Juli 2017 erholten sie sich entsprechend dem allgemeinen Trend wieder etwas (+8,2 Prozent). In der Liste der wichtigsten Lieferländer Kolumbiens steht Deutschland auf Platz fünf hinter den USA, der VR China, Mexiko und Brasilien aber vor Japan und Indien. Maschinen, pharmazeutische Erzeugnisse und Kfz machen etwa die Hälfte der deutschen Lieferungen an Kolumbien aus.

Informationen des kolumbianischen Amtes für Statistik (DANE) zufolge ist die Arbeitslosigkeit zwischen August 2018 und August 2019 auf 10,8 Prozent gestiegen. Im Vergleich zu Vorjahr, in dem die Arbeitslosigkeit bei 9,2 Prozent lag. Das bedeutet eine Zunahme um 1,6 Prozentpunkten, obwohl Kolumbiens Wirtschaft stetig wächst und aktuell ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 3 Prozent erreicht. 

Covid-19: Allgemeine Situation und Konjunkturentwicklung 16

 

Wegen stark zunehmender Coronainfektionen zieht sich die Reaktivierung der Wirtschaft hin. Das BIP soll 2020 um 8 Prozent sinken. (Stand: 7. August 2020)

 

Kolumbien unter den Ländern mit höchsten Coronainfektionen

 

In Kolumbien spitzt sich die Lage zu. Nachdem die Zahl der Covid-19-Erkrankungen zunächst nur langsam hochging, nimmt sie seit Juli deutlich zu. Inzwischen ist Kolumbien an allen europäischen Ländern vorbeigezogen. Aufgrund des schnellen Anstiegs - aktuell über 10.000 neue Fälle täglich - wird mit einer anhaltend kritischen Lage gerechnet. Gesundheitsexperten zufolge sollen die Fallzahlen erst im September wieder abnehmen. Angesichts dessen verlängerte Präsident Iván Duque die landesweite Quarantäne bis zum 30. August.

 

Da sich das Gesundheitssystem auf die Pandemie vorbereiten konnte und Kolumbien eine jüngere Bevölkerung hat, sind bislang weniger Personen an dem Virus gestorben als in europäischen Ländern mit vergleichbaren Fallzahlen. So konnte Kolumbien die Anzahl seiner Corona-Notfallbetten von 5.300 zu Beginn der Krise auf 8.700 erhöhen. Dennoch sind die Notfallbetten in den Großstädten mit Stand Ende Juli stark ausgelastet: Bogotá 91 Prozent Belegung, Medellín 79 Prozent und Cali 95 Prozent.

 

BIP-Prognosen nach unten korrigiert

Wegen der Ausbreitung der Pandemie verzögert sich die im Mai begonnene Reaktivierung der Wirtschaft. Einige Städte wie Bogotá und Medellín führten im Juli wieder strengere Quarantänemaßnahmen ein. Welche Branchen unter Hygienevorschriften arbeiten dürfen und welche nicht, ist inzwischen von Gemeinde zu Gemeinde anders. Von einem normalen Wirtschaftsbetrieb ist das Land jedoch weit entfernt, die Landesgrenzen bleiben voraussichtlich bis September geschlossen und auch der Binnentransport ist bis auf Weiteres eingeschränkt.

 

Analysten haben wegen des länger als erwarteten Lockdowns ihre Prognosen für 2020 nach unten korrigiert. Sowohl der Internationale Währungsfonds (IWF) als auch die Economist Intelligence Unit (EIU) gehen inzwischen von einem realen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 7,7 Prozent aus.

 

 Die kolumbianische Regierung rechnet mit -5,5 Prozent. Damit wird Kolumbien erst das vierte Jahr mit einer negativen Entwicklung des BIP erreichen, nach 1930, 1931 und 1999. Für 2021 erwartet der IWF wieder ein Wirtschaftswachstum von 4 Prozent.

 

Wirtschaftsleistung im April ein Fünftel unter Vorjahr

 

Der wirtschaftliche Tiefpunkt der Pandemie wurde im April 2020 erreicht, als das BIP rund 20,5 Prozent unter dem Niveau vom April 2019 lag. Dies geht aus dem Index der Wirtschaftsentwicklung ISE (Indicador de Seguimiento a la Economía) des Statistikamtes DANE hervor, der als ein Indikator für das BIP-Wachstum gilt. Im Mai 2020 lag die Wirtschaftskraft gemäß dem Index rund 16,7 Prozent unter dem Vorjahresmonat. Die Arbeitslosigkeit betrug im Mai 21,4 Prozent und ging im Juni auf 19,8 Prozent zurück.

 

Die Importe sanken im April um 31,6 Prozent und im Mai um 39,9 Prozent, verglichen jeweils zum Vorjahresmonat. In den ersten fünf Monaten des Jahres wurden insgesamt Waren im Wert von 17,9 Milliarden US$ importiert, 18,3 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Starke Rückgänge wurden vor allem bei Produkten des verarbeitenden Gewerbes wie Maschinen und Kfz registriert, während die Einfuhren von Lebensmitteln und Agrarerzeugnissen sogar zulegten. Die Exporte sanken zwischen Januar und Mai um 25 Prozent, zurückzuführen in erster Linie auf niedrigere Weltmarktpreise von Erdöl und Kohle.

Maßnahmen zur unmittelbaren Bewältigung der Krise

 

Unternehmen, deren Umsatz im April 2020 um 20 Prozent geringer war als im April 2019, erhielten von der Regierung für jeden Angestellten einen monatlichen Lohnzuschuss in Höhe von 351.121 kolumbianischen Peso (kol$, rund 90 US$). Die Maßnahme galt für die Monate Mai, Juni und Juli und nannte sich Programa de Apoyo al Empleo Formal (PAEF).

 

Kredite für Unternehmen in Höhe von 17,4 Milliarden US$ über den Fondo Nacional de Garantías, die Staatsbank Bancoldex und die Entwicklungsbank Findeter.

 

Die Frist zur Zahlung der Unternehmenssteuer für 2019 an das Zoll- und Steueramt DIAN, die für Ende Mai vorgesehen war, wurde auf Dezember verschoben (nähere Informationen dazu im Tax COVID-19 Response Tracker von EY).

 

Niederlassungen von deutschen Unternehmen in Kolumbien können von den erwähnten Unterstützungsmaßnahmen Gebrauch machen.

 

Verschiedene Maßnahmen sollen ärmere Bevölkerungsschichten, die teilweise im informellen Sektor tätig sind, unterstützen. Insgesamt sollen 10 Millionen Personen direkte Zahlungen der Regierung erhalten, ein Großteil davon wurde bereits im März und April 2020 geleistet. Dazu gehört die Notfallhilfe des Programa Ingreso Solidario für 3 Millionen Haushalte (monatlich 160.000 kol$ - umgerechnet rund 43 US$ - je Haushalt) sowie Sonderzahlungen an Personen, die den Sozialprogrammen Familias en Acción, Jóvenes en Acción und Colombia Mayor angehören.

Maßnahmen zur wirtschaftlichen Wiederbelebung


Am 20. Juli präsentierte Kolumbiens Präsident Iván Duque dem Kongress seinen Plan zur wirtschaftlichen Reaktivierung des Landes Nuevo Compromiso por el Futuro de Colombia. Als Vorbild dient ihm dabei nach eigener Aussage der New Deal des ehemaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt zur Bewältigung der Großen Depression in den 1930er Jahren. Insgesamt sollen 100 Billionen Pesos investiert werden, umgerechnet rund 26,9 Milliarden US-Dollar (US$). Dies entspricht etwa 10 Prozent des kolumbianischen Bruttoinlandsproduktes (BIP).

 

Rund 60 Prozent der Investitionen werden dabei aus öffentlichen Kassen kommen, die restlichen 40 Prozent soll die Privatwirtschaft stemmen. Unter anderem sollen institutionelle Investoren wie Pensionskassen größere Projekte finanzieren. Kritiker werfen der Regierung vor, dass das Konjunkturpaket mehr eine mittelfristige Strategie sei und kaum konkrete, schnelle Maßnahmen beinhalte. Zudem beziehen sich fast alle Bestandteile des Plans auf bereits existierende Infrastrukturprojekte und Programme, es wurde kaum Neues hinzugefügt.

 

Das Konjunkturpaket umfasst vier Themenblöcke für 3 Millionen Haushalte wird bis Juni 2021 verlängert. Es soll Zuschüsse zum Erwerb von 200.000 Sozialwohnungen geben. Das Programm Generación E sorgt dafür, dass 180.000 Jugendliche 2020 mit einer kostenlosen, höheren Ausbildung abschließen.


Unterstützung für ländliche Gebiete: Aktualisierung der Grundstücksregister ("Catastro Multipropósito"), Ziel ist eine Erfassungsquote von 100 Prozent bis 2025; Beschleunigung des Programms zur Entwicklung der 170 Gemeinden, die am stärksten vom bewaffneten Konflikt und dem Drogenanbau betroffen sind (Programa de Desarrollo con Enfoque Territorial, PDET). Hinzu kommt ein neues Gesetz zur Unterstützung kleiner und mittelgroßer Landwirte.

Öffentliche Verschuldung


Das Komitee zur Bestimmung der Fiskalregel Comité Consultivo de la Regla Fiscal legte im Juni fest, dass die Fiskalregel bis 2022 ausgesetzt wird. Hintergrund sind gestiegene Ausgaben der Regierung zur Eindämmung der Gesundheits- und Wirtschaftskrise. Außerdem rechnet die Regierung mit geringeren Einnahmen aufgrund der Steuerreform von 2019. Auch der Rückgang der Erdölpreise wird die Dividendenzahlungen des halbstaatlichen Ölkonzerns Ecopetrol an die Regierung mittelfristig verringern.

 

Dem im Juli 2020 aktualisierten Fiskalplan der Regierung zufolge soll das Staatsdefizit 2020 bei 8,2 Prozent des BIP und 2021 bei 5,1 Prozent liegen. Im Jahr 2019 betrug das Staatsdefizit 2,2 Prozent des BIP. 

 

Die öffentliche Verschuldungsquote lag 2019 bei 54,5 Prozent des BIP und soll 2020 63,8 Prozent des BIP erreichen. Danach soll die Schuldenquote wieder abnehmen und spätestens 2026 unter 50 Prozent des BIP fallen, was Marktbeobachtern allerdings als optimistisch erscheint.

Wichtige kolumbianische Unternehmen.17

 

Grupo Aval (Bankwesen), Ecopetrol (Erdöl), Bavaria (Bier und Getränke), ETB (Kommunikation), ISA (Energie), Grupo Éxito (Supermärkte), Grupo Nutresa (Lebensmittel), Manuelita (Agrobusiness), Colpatria (Bank), Alpina (Lebensmittel), Coltejer (Textilien), Acerías Paz del Río (Stahl), Argos (Zement), Corona (Baumärkte), Norma (Druckereiwesen und Publikationen) und Colombina (Lebensmittel). Die Existenzgründungsrate ist hoch.

 

Wichtige ausländische Unternehmen:17

 

Siemens, Microsoft, Renault, Bayer, BASF, Dupont, Procter & Gamble, STEAG, Goodyear, General Motors und Hewlett-Packard.

16 Von Edwin Schuh | Bogotá in © 2020 Germany Trade & Invest 07.08.2020

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Aktualisiert: 24.09.2020

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