Kolumbien - Land im Zwiespalt und der Gegensätze
 Kolumbien -Land im Zwiespalt und der Gegensätze  

Kankuamo

Die Kankuamo oder Atanque, sind an den südöstlichen Hängen der Sierra Nevada de Santa Marta im Norden des Departamento César beheimatet.

In der Sierra Nevada de Santa Marta leben vier indigene Gruppen, im Nordwesten die Kogi, im Nordosten die Wiwa, im Südwesten die Ika und im Südosten die Kankuamo. Alle werden zusammen auch als Arhuaco bezeichnet und bilden eine Gruppe innerhalb der Chibcha- Familien. Früher zur Zeit der spanischen Eroberung lebten im Norden der Sierra Nevada de Santa Marta noch die Tairona-Indianer. Es wird vermutet, dass die Tairona und die Arhuaco-Gruppen verwandt sind, gesichert ist dies aber nicht.

Kankuamo unterliegen einem Prozess der kulturellen Assimilation und stehen vor einem erheblichen Verlust ihrer einzigartigen Kultur und Identität. Es wird angenommen, dass Kankuamo irgendwann in absehbarer Zeit mit diesem anhaltenden Trend als Volk aussterben wird.

 

Bis heute konnte Kankuamo ihre indigene Sprache von Sénha beibehalten, die zur Sprachfamilie von Chibcha gehört.

Kankuamos, FOTO/REFERENCIA.

Wie alle Gruppen der Arhuako fallen die Kankuamo durch ihr Äußeres auf. Männer und Frauen sind stattliche Erscheinungen.  Alle tragen lange Haare. Die Kankuamo und alle anderen Arhuako-Gruppen sind für ihre besondere Form der Kleidung gekennzeichnet. Die Frauen tragen zwei überlappende Tücher, und die Männer tragen ein Poncho artiges Oberteil und eine kurze Hose und einen Hut aus Agavenfasern. Auch geflochtene Gürtel sind bekannt. Die Frauen tragen als Schmuck Ketten. Fast immer dabei haben die Männer geflochtene Taschen. Die Kleidung ist weiß bis naturfarben. An den Füßen trugen sie früher geflochtene Sandalen, später Sandalen aus dem Gummi von Autoreifen. 

Wohnhütte, Foto: Oliver Driver

Die Art ihrer Dörfer oder Einzelsiedlungen ist durch die Kegeldachhütten bis zu 10 Meter Durchmesser gekennzeichnet, deren Wände aus Steinen und die Dächer aus Stroh gebaut wurden. Die Grundrisse der Häuser sind meist rund, aber auch fast viereckige Häuser sind zu finden. Eine Arhuaco-Familie besitzt mehrere Häuser, sie wechseln sporadisch den Wohnort, um in verschiedenen Höhenlagen der Sierra Nevada de Santa Marta verschiedene Pflanzen kultivieren zu können. Es gibt Männerhäuser und Frauenhäuser in den Einzelsiedlungen der Familien. Es gibt aber auch Dörfer, in denen sich die Arhuako für ihre Feste treffen. In ihnen gibt es auch sehr große Männerhäuser, für bestimmte Kulthandlungen. Und auch Tempelbauten hoch oben in den Bergen sind bekannt.

beim Flechten, Foto aus mbia.com.co

Handwerklich sind sie sehr begabt. Von Spinnen der Baumwolle über Weben von Kleidung, Decken bis zum Knüpfen von Hängematten, Netzen, Tragebändern und Taschen. Aus Agavenfasern werden Gürtel, Stricke und Körbe geflochten. Es werden Gefäßen (Krüge)aus Ton und Kalebassen/Kürbissen hergestellt. Als Musikinstrumente sind Flöten aus Bambusrohr, Rasseln und Trommeln bekannt. Große Meisterschaft erlangten sie im Bau von Brücken.

Xantthosoma, Autor

Die Wirtschaft der Kankuamo basiert auf Landwirtschaft. Hauptprodukte sind Mais, süßer Maniok (Yucca), Kochbananen, Kartoffeln, Yams, Fque, Aracacha, Bohnen, Kürbisse, Obstbananen und verschiedenes anderes Obst, Kakao, Koka, Baumwolle und Xantthosoma. Viehhaltung ist auch bekannt, heute sind es Hühner, Schweine und Rinder. Jagd und Fischfang haben wenig Bedeutung. Das Sammeln von Früchten hat ebenso Bedeutung, auch das Sammeln von Honig bei Wildbienen.

Als übergeordnete Stellungen innerhalb der Gesellschaft gibt es Häuptlinge der Dörfer und die Priester in den Männerhäusern der Dörfer sowie in den Tempeln auf den Bergen. Männliche Nachkommen führen ihre Abstammungslinien von den männlichen Ahnen her, weibliche Nachkommen von ihren Müttern. Es gibt männliche Klangruppen (Beuteltier, Puma, Jaguar, Adler) und weibliche (Gürteltier, Hirsch, Pekari, Schlange), hier herrscht ein gegenseitiges System, d.h. dass männliche Tier ernährt sich vom weiblichen Tier und genau so darf geheiratet werden, Beuteltier + Gürteltier, Puma + Hirsch usw.

Die Hauptgottheit ist eine Muttergottheit. Sie betrachten die Sierra Nevada de Santa Marta, die Bergkette, auf der sie wohnen, als heilig. Bei den Feierlichkeiten in den Tempeln gibt es Tänze von Maskentänzern und Priester und Tänzer tragen Schmuck aus Gold, vergoldetem Kupfer, schön geschnitztem Holz und fein gemeißeltem Stein. Teilweise stammt dieser Schmuck noch aus vorkolumbischer Zeit.

Sierra Madra Santa Marta, Foto news.liverpool.ac.uk

Genau wie die Mehrheit der indigenen Völker Kolumbiens ist es ein Volk, das den Naturgewalten große Ehrfurcht entgegenbringen. Sie orientieren sich am Ursprungsgesetz oder "ley de origen", dass sie als die traditionelle Ahnenwissenschaft der Weisheit und des Wissens betrachten, die alles Materiell und Spirituelle verwaltet. Die Einhaltung dieses Gesetzes garantiert die Ordnung und Beständigkeit des Lebens, des Universums und der Kankuamo als indigenes Volk. Das Ursprungsgesetz regelt die Beziehungen zwischen allen Lebewesen von den Steinen der Erde bis zur Menschheit selbst und sagt ihnen, dass Umunukunu oder Sierra Nevada de Santa Marta der heilige Ort ist, der den Stämmen von Iku, Kaggaba, Sanka und Kankuama gegeben wird. Die Befehle, die von den ersten Vätern erhalten wurden, erklärten, dass sie von der Sierra Nevada aus, die Hüter der Welt sein werden, die die Verantwortung haben werden, die Dauerhaftigkeit aller Lebensformen zu schützen, so dass es ein anhaltendes Gleichgewicht und Harmonie zwischen Natur und Menschheit geben wird, da auch der Mensch die Natur ist.

Kankuamo-Siedlung, Foto Printrest

Seit Mitte der 1980er Jahre engagiert sich die Kankuamo in einer gesellschaftlichen und politischen Prozess Organisation, die1993 zur Gründung der OIK (Indigenous Organiationof Kankuamos) führte. Zehn Jahre später, 2003 durch Resolution Nr. 12 des INCORA (Colombian Institute for Agrarian Reform), wurde das erste Kankuamo-Reservat an den südöstlichen Hängen der Sierra Nevada in der Gemeinde Valledupa geschaffen. 

 

Der Weg dorthin war nicht leicht. Mitte der 1980er und 1990er Jahren wurde durch den kolumbianischen Staat das Systeme der sozialen und justiziellen Kontrolle errichteten, die dazu diente, traditionelle indigene Behörden und Regierungssysteme zu beschädigen und zu untergraben. Darüber hinaus geriet die Kankuamos aufgrund von Streitigkeiten um die territoriale Kontrolle, im Zusammenhang mit dem Handel von Betäubungsmitteln, häufig mitten in das Kreuzfeuer zwischen den Kriegsparteien.

Mit dem Rückzug der linken Guerilla aus der Sierra Nevada und der Konsolidierung paramilitärischer Gruppierungen und deren Besetzung des Gebietes im Jahr 1999, wurden die Kankuamos den unbegründeten Anschuldigungen ausgesetzt mit den Guerillas zusammen gearbeitet zu haben. Solche politisch und wirtschaftlich motivierten Anschuldigungen gingen oft mit alarmierenden Gewaltakten einher, mit der kalkulierten Absicht, Terror zu verbreiten und die indigenen Gemeinschaften aus ihren rechtmäßig anerkannten Ländern zu verdrängen.

Autodefensas Unidas de Colombia, Foto deacademic.com

Während dieser illegalen Besetzung durch verschiedenes paramilitärisches Gruppen der AUC (Vereinigte Selbstverteidigungseinheiten Kolumbiens) und deren Absprache mit der kolumbianischen Armee, wurden die Gemeinschaften Opfer von Vertreibung, selektiven Morden, Massakern, Verschwindenlassen, Drohungen, Inhaftierungen und Zwangsrekrutierungen in illegale bewaffnete Gruppen. Solche schweren Verletzungen der kollektiven und individuellen Menschenrechte der Kankuamos haben in praktisch allen Bereichen ihres Lebens negative Folgen zu folge. Dazu gehörten der Verlust heiliger Stätten und Kultstätten, die erhebliche Schwächung traditioneller indigener Behörden, der Zusammenbruch der Prozesse der kulturellen Erholung und der wirtschaftlichen Selbstversorgung sowie die Zerstörung der empfindlichen Ökosysteme der Sierra Nevada, die 1979 von der UNESCO zum Weltbiosphärenreservat erklärt wurden.

Militäreinsatz , Foto: tagesspiegel.de

Die Schwere dieser Gewalt gegen den Kankuamos, insbesondere durch die Streitkräfte, die außergerichtliche Hinrichtungen indigener Zivilisten durchführten, deren Leichen später in Militäruniform gesteckt wurden und als im Kampf getötet Rebellen  ausgegeben wurden, veranlasste die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) in den Jahren 2003 und 2004, die kolumbianische Regierung aufzufordern, spezifische Maßnahmen zu ergreifen, um das Leben und die persönliche Integrität der Mitglieder der Kankuamo-Gemeinschaft zu bewahren. Solche Maßnahmen waren auch erforderlich, um die Achtung der kulturellen Identität von Kankuamo und die besondere Beziehung zu ihren angestammten Territorien zu gewährleisten. Der Staat wurde auch aufgefordert, den Opfern der Vertreibung die notwendige humanitäre Hilfe zukommen zu lassen und eine Untersuchung der Gewalt und der gegen die Gemeinschaft geleisteten Gewalt und Ausschreitungen durchzuführen.

Fundacion Hemera, eine lokale kolumbianische Menschenrechtsorganisation, prangert die flagrante Missachtung des humanitären Völkerrechts durch die Militarisierung dieser Gebiete, was zu einer Zunahme der sexuellen Gewalt gegen indigene Frauen durch Armeeangehörige führte.

El Paisa, Foto

Trotz dieser verstärkten Militärpräsenz gab es auch die Anwesenheit von neu demobilisierten ex-paramilitärischen Splittergruppen in der Region, die weiterhin kriminelle Handlungen in den Gebieten durchführten. Im August 2007 wurde der Anführer der "Mértires de César", eines paramilitärischen Flügels der AUC, der im Departement César wirksam ist, von den Spezialkräften der kolumbianischen Technischen Untersuchungsgruppe (CTI) gefangen genommen. Bekannt als "El Paisa". Leonardo Enrique Sanchez Barbosa, wurde beschuldigt, für die Tötung von bis zu 200 Kankuamos während der paramilitärischen Herrschaft verantwortlich zu sein, die er 10 Jahre lang befehligte. 2010 wurde er zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt.

Hostal Sierra Minca, Foto: booking.com

Wie viele andere indigene Gemeinschaften in Kolumbien sehen auch Kankuamos die Erhaltung ihrer angestammten Territorien durch Vorschläge für groß angelegte staatliche Entwicklungsprojekte bedroht, die das Potenzial haben, ihre traditionellen Lebensweisen ernsthaft zu stören und die spirituelle Grundlage ihrer Identität und Existenz zu zerstören. 

 

Die Regierung hat Schritte unternommen, um mehrere Infrastruktur-Entwicklungsprojekte einzuführen, die die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen der Sierra Nevada und den Bau von Wasserkraftwerken und Staudämmen umfassen werden. Die Umsetzung dieser Pläne wird die Rekanalisierung von Flüssen und die Überflutung von Hunderten Hektar indigener Landflächen sowie die Ausbeutung natürlicher Ressourcen umfassen. Weitere Projekte, die in diesen Plan aufgenommen wurden, umfassen den Bau riesiger Komplexe und Seilbahnsysteme für den "Öko–" und "Ethno" Tourismus. 

Brandanschlag Foto: culturalsurvial.0rg

Kankuamo hat jedoch seine kategorische Ablehnung aller vorgeschlagenen Entwicklungsaktivitäten in ihren angestammten Territorien erklärt, da sie glaubten, dass die Sierra Nevada das Herz und der Beginn aller Existenz ist und dass ihre Zerstörung nicht nur unwiederbringlichen Schaden für das natürliche Gleichgewicht der Region verursachen würde, sondern auch schlimme Auswirkungen auf ihre Autonomie und Autorität haben würde. Anfang 2016, nachdem sich die Führer der Gemeinde weigerten, an Konsultationen mit der Regierung teilzunehmen, um gegen Hunderte von Bergbaubetrieben in ihrem Gebiet zu protestieren, wurden zwei Tempel in Valledupar, separaten Brandanschlägen ausgesetzt. Solche Angriffe gehen weiter, im Oktober 2018 wurde ein Kankurwa oder Kankuamo Zeremonienhaus in Atanquez niedergebrannt.

Tage nach der Brandstiftung versammelte sich die Jugendkommission von Aténquez und veröffentlichte gemeinsam eine Erklärung:

 

"Heute empfinden wir Schmerzen, die verbrannten Wände unserer Kakurwa zu sehen, weil es ein Raum war, in dem wir immer wieder unser Wesen von Kankuamo fanden. Wir werden nicht verzweifeln und weiter aufbauen. Heute haben wir unsere Großväter verbrannt, morgen werden wir sie heilen, indem wir sie wieder aufbauen. Und warum werden wir sie wieder aufbauen? Weil wir mit ihnen geboren wurden und sie ein Teil von uns sind und wir davon sind. Wir danken unseren Eltern dafür, dass sie uns den Geist zurückgeben, Kankuamos zu sein. Wir werden tun, was notwendig ist, um es mit Stolz und Größe zu bewahren." 

Kontakt

Peter Blöth
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Aktualisiert: 12.04.2021

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